Interview mit Thorsten Quaeschning


am 19.07.2008 beim
Night Of The Progs III geführt ....

Während des
Night Of The Progs III-Festivals hatte ich Gelegenheit am 19.07.2008 mit
Thorsten Quaeschning, der seit einigen Jahren zum Lineup der Elektroniklegende
Tangerine Dream gehört, zu sprechen. Nicht nur TD, sondern vor allem seine
Soloprojekte, die er u. a. unter der Bezeichnung PicturePalace music macht,
waren Gegenstand des Interviews.....

Stephan:
Neben Keyboard spielst du bei Tangerine Dream auch Perkussion/Schlagzeug.
Auf deinem aktuellen PicturePalace music-Album bedienst du auch die E-Gitarre.
Wie viel Instrumente beherrscht du?....

Thorsten:
Ich spiele bei Tangerine Dream auch noch Flöte und Gitarre sowie Steel
Drums und sorge auch für Backingvocals (auf der CD „Madcaps Flaming Duty).....

Stephan:
Live singst du aber nicht?....

Thorsten:
Live spiele ich bei Tangerine Dream Keyboard und Schlagzeug und bei meinen
Auftritten mit PicturePalace music auch noch Flöte und Schlagzeug. ....

Stephan:
Und welche Instrumente spielst du bei deinen Soloproduktionen?....

Thorsten:
Da spiele ich eigentlich alles. Saiteninstrumente, Tasteninstrumente,
Schlagzeug und auch Flöten.....



Stephan:
Hast du die Instrumente gelernt oder bist du
Autodidakt?....

Thorsten:
Einige Instrumente habe ich studiert. Nur die Gitarre habe ich mir aus
Büchern beigebracht. ....

Stephan:
Was mich und wahrscheinlich viele andere auch interessiert, ist natürlich,
wie man Bandmitglied bei Tangerine Dream wird.....

Thorsten:
Die suchten einen Techniker und Keyboarder, der auch gewisse
Anforderungen, was die Kenntnisse von verschiedenen Programmen beinhaltete,
erfüllen musste. Dann war ich beim Vorspielen …....

Stephan:
Und schon ist man drin.....

Thorsten:
Eine absurde Antwort wäre durchaus: Übt euer Leben lang Klavier und
interessiert Euch für das Ungewöhnliche(lacht). ....

Stephan:
Worüber haben Tangerine Dream die Suche gestellt, über eine
Zeitungsanzeige?....

Thorsten:
Nein, der Kontakt kam damals über Martin Kaspersak, der die Auslandskorrespondenz
von eastgate bzw. damals noch TDI gemacht hat, zustande. Der macht auch selber
Musik, allerdings in der Gothrock und Indipendent-Ecke. Eine Zeit lang habe ich
in Berlin recht viele Metal-Alben für andere Leute in Studios eingespielt und
daher kannte er mich.....

Stephan:
Das ist ja was ganz anderes zu deiner sonstigen Musik. Was heißt denn in
diesem Zusammenhang eingespielt?....

Thorsten:
Ich hab halt als Job für andere Bands einige Sachen eingespielt. Das ist
aber nicht meine Musik. Metal ist recht einfach einzuspielen, man ist nach
einem Tag bereits mit einem Album fertig. Zum Teil weiß ich nicht mal wie die
Bands heißen. Da war immer derselbe Tontechniker im Studio und ich kam dann hin
und habe einige Chöre- oder Geigenklänge eingespielt.....

Stephan:
Seit 2005 gehörst du zum Lineup von Tangerine Dream. Auf deiner
Internetseite ist zu lesen, dass du bereits seit 1994 Musik machst. Erzähl doch
bitte etwas zu deinem musikalischen Werdegang. Du hast ja vorhin schon kurz
angedeutet, dass du Musik studiert hast.....

Thorsten:
Ja, ich habe Komposition und Klavier studiert. Seit 1994 mache ich auch
Musik mit Bands. Angefangen habe ich in einer Band mit Christian Hausl, der zum
Beispiel auch die „Madcaps Flaming Duty eingesungen hat. Mit dem mache ich
also seit 14 Jahren mit einigen Unterbrechungen und in verschiedenen
Besetzungen Musik. Ich fing als Geiger an und habe mit einem Jugendorchester
Musik gemacht. Dann ging es mit Bands in Richtung New Model Army, The Mission
und The Cure weiter. Ich hab in der Zeit in Berlin und Umgebung in sehr vielen
Bands live und im Studio gespielt. Dann ist Tangerine Dream gekommen und mein
Projekt PicturePalace music wurde realisiert.....

Stephan:
Der Kontakt zwischen Tangerine Dream und dem Sänger Christian Hausl ist
also über dich gekommen?....

Thorsten:
Genau.....

Stephan:
Was macht Christian sonst? Singt er noch in anderen Bands?....

Thorsten:
Ja, der singt bei Foreshadowing. Die machen so eine Art Prog-Metal.....



Stephan:
Nach der
2007er Veröffentlichung der PicturePalace music CD „Sonambulistic Tunes, bei
der neben dir lediglich Susanna Maria Selin und Thorsten Spiller mitwirken,
sind auf dem aktuellen Album „Symphony For Vampires neun Musiker mit dabei,
von denen auch einige bei der Komposition der Stücke mitgewirkt haben. Die
Cover zieren allerdings nur dich als Musiker. Wie ist das Projekt PicturePalace
music zu verstehen? Ist es dein Soloprojekt mit Gastmusikern oder ist es doch
schon eher ein Bandprojekt?....

Thorsten:
Ich sehe mich eher als musikalischer Leiter. Die größten Teile der Musik
werden von mir komponiert - vieles auch von Sascha Beator. Ich bin der Meinung,
dass ein Soloalbum nicht wirklich funktioniert. Auf einer Spielzeit von fast 80
Minuten ist es einfach schön, andere Leute mitschreiben zu lassen. Auch bei den
Tracks, die von anderen komponiert wurden, spiele ich Gitarre oder Keyboard
drüber, je nachdem, um was für einen Musiker es sich handelt. Bei einem
Gitarristen spiele ich beispielsweise Keyboard und bei einem Keyboarder
Gitarre. Es ist mit anderen Musikern eben interessanter. ....

Ich bin die
Konstante bei PicturePalace music und für den Stil, das Mixing und die
Qualitätskontrolle zuständig. Je nach Projekt ist es auch interessant,
verschiedene Musiker einzubinden. Ich brauch nicht bei jedem Projekt ein
Saxophon oder eine Klarinette. Beim letzten Projekt, der Vertonung von
„Nosferatu, hatten wir eine irische Bouzouki, um diesen folkloristischen, also
diesen transsilvanischen Touch rein zu bekommen. Wir haben ein recht großes
Team von 15 bis 16 Leuten, aus dem ich die entsprechenden Musiker aussuchen
kann. ....

Stephan:
Was heißt Team? Sind das alles Musiker die du kennst?....

Thorsten:
Musiker, die hier und da auch live zur Verfügung stehen und die man für
verschiedene Projekte zusammenstellen kann. Aber wir haben schon einen festen
PPm-Kern: Sascha Beator (Synthesizer), Thorsten Spiller (FX,Gitarre) und die
beiden Schlagzeuger Kai Hanuschka und Vincent Nowak.....

Stephan:
Ist das speziell auf den Raum Berlin bezogen?....

Thorsten:
Nein. Das geht recht weit, bis nach Österreich, USA und England.....

Stephan:
Beide CDs sind von Stummfilmen („Das Cabinet des Dr. Caligari und
„Nosferatu - eine Symphony des Grauens) inspiriert. Welche Faszination üben
Stummfilme bzw. Filme generell auf dich aus?....

Thorsten:
Stummfilme haben einen gewissen Charme. Damit meine ich aber nicht Laurel
und Hardy oder Buster Keaton. Ich komme ja eher so aus einem düsteren
musikalischen Bereich und in sofern finde ich, dass die stummen Horrorfilme
großartig funktionieren. „Dr. Caligari war ja an sich der erste Horrorfilm.
Der war ja noch wie ein Theaterstück aufgebaut. „Faust, „Nosferatu und
Metropolis bestechen ja vor allem durch die Bilder.....

Stephan:
Wie bist du bzw. seid ihr an die Kompositionen herangegangen? Habt ihr
euch die Filme angesehen und die Musik dann komponiert oder ist die Musik
direkt zu den Bildern entstanden, quasi Bildsynchron?....

Thorsten:
Wir komponieren die Musik direkt auf den Stummfilm und führen das auch in
verschiedenen Kinos auf. „Caligari ist eins zu eins übernommen. Die Musik der
CD „Somnambulistic Tunes würde, wenn man es darauf anlegt, von vorne bis
hinten genau auf den Film passen, da der Film 75 Minuten lang ist. Bei
„Symphony For Vampires fehlen aufgrund der CD-Kapazität 20 Minuten zur
Spielfilmlänge von „Nosferatu. Die sind aber auf der „Walpurgisnacht-EP
drauf. Bei „Metropolis wird die Gesamtlaufzeit 123 Minuten bzw. 145 Minuten
betragen, wenn die Teile, die noch gefunden wurden, in den Film eingefügt
werden. In Argentinien wurden ja noch 20 Minuten des Films gefunden. Das passt
natürlich nicht auf eine CD, da schneiden wir dann einige Stücke raus. Die Stücke,
die auf einer CD am sinnvollsten hörbar sind, werden dann veröffentlicht. Wir
schneiden die Musik periodisch, was - glaube ich - auch richtig ist. Bei einem
Film macht es durchaus Sinn, einen 7/4-Takt einzubauen, der auf einer CD doch
eher Fragen aufwirft, warum an dieser Stelle jetzt auf einmal ein Schlag fehlt.....

Wir komponieren
gerade an „Faust. Das Werk wird am 19.09.2008 in der Kulturbrauerei Cinestar
Berlin uraufgeführt. Es handelt sich dabei um den letzten Film von Friedrich
Wilhelm Murnau, bevor er nach Hollywood ging. Der Film zeigt super Bilder.
Meines Wissens ist es der erste Film mit bewegten Kameras und Bild in
Bild-Effekten, was für einen Stummfilm schon sehr beachtlich ist.....

Stephan:
Du sagtest vorhin, dass die Musik auf den Film geschnitten ist. Ihr schaut
euch den Film dann im Studio an und spielt dazu die Musik, oder wie muss man
sich das vorstellen?....

Thorsten:
Wir sehen uns natürlich den Film mehrmals an und dann gehe ich halt so
vor, dass ich erst einmal gewisse Schlüsselszenen, die mich selbst reizen,
vertone. Ich komponiere also den Film nicht von links nach rechts durch,
sondern suche mir prägnante Szenen, die vom Bild funktionieren und die ich von
der Handlung her toll finde. Nach und nach füllt sich dann das Werk. Danach
kommen noch einige Überleitungen. Wir spielen das nicht durch und nehmen das
dabei auf, dazu ist die Musik zu sehr durchkomponiert. Wir arbeiten vielmehr
hier und da mit Themen, aber eher mit Personen bezogenen Sounds, weil in
Stummfilmen einfach zu wenig unterschiedliche Personen vorkommen. Das heißt,
dass man sonst nur mit vier Melodien würde auskommen müssen. Wir komponieren
das halt wie bei einer normalen Filmmusik auf den Film. Aufgeführt wird das
dann auch in Dolby Surround live in Kinos, zumal wir auch hier und da Geräusche
vertonen. Wenn man beispielsweise bei „Metropolis in der zehnten Minuten
diesen Springbrunnen sieht, hört man den auch. Das ist für einen ambitionierten
Stummfilm-Gänger schon ein ungewohntes Erlebnis, keinen Pianospieler Vorort zu
sehen. Die Stummfilmpuristen stehen dem eher kritisch gegenüber, die meisten
bleiben dann aber (lacht).....

Stephan:
Was für Leute kommen denn dann zu den Aufführungen? Sind das eher Leute,
die die Filme sehen wollen oder solche, die deine Musik kennen?....

Thorsten
Das ist eine seltsame Mischung. Obgleich sich das Publikum auch
untereinander seltsam beäugt (lacht). Der übliche Elektronik- bzw.
Post-Rock-Hörer und der Stummfilmliebhaber würden sich sonst sicherlich nicht
unbedingt im gleichen Club begegnen. ....

Stephan:
Im März 2008 fanden im Stummfilmkino Babylon drei Aufführungen von
Stummfilmen statt, die du vertont hast. Waren das drei unterschiedliche Filme?....

Thorsten:
Ja, das war „Das Cabinet des Dr. Caligari dessen Musik wir auf
„Somnambulistic Tunes herausgebracht haben, dann „Nosferatu (ist auf Symphony
For Vampires herausgekommen) und „Metropolis. Das ganze fand um Ostern herum
innerhalb von drei Nächten statt. Das war im Rahmen eines Stummfilmfestivals
mit dem Namen „Die langen Schatten des deutschen Filmexpressionismus. Im
Rahmen dieses einmonatigen Festivals haben wir die letzten drei Abende
bestritten. Gerade in diesem Stummfilmkino wird mit Super-Filmprojektoren
gearbeitet um die Stummfilme, die variable Geschwindigkeiten haben, abspielen
zu können, was in normalen Kinos nicht möglich ist. Während es Stummfilme mit
17 bis 19 Bilder pro Minute gibt, läuft heute ein normaler Film mit 25 Bildern
die Minute. ....

Stephan:
Das heißt, das alle, die an der Studioproduktion beteiligt waren, auch bei
der Liveaufführung dabei waren?....

Thorsten:
Wir waren bis zu zehn Musiker auf der Bühne. ....

Stephan:
Bei allen drei Aufführungen?....

Thorsten:
Nein, bei „Caligari waren wir nur zu fünft, „Nosferatu hat die größte
Besetzung. Meist sind es die, die auch im Studio dabei waren.....

Stephan:
Am 30.04.2008 gab es dann noch mit PicturePalace music im Ballhaus in
Berlin einen Liveauftritt. War das etwas ganz anderes? War das eher ein
normales Livekonzert? ....

Thorsten:
Ja, das war ohne Film. Das war im Grunde die Releaseparty zur
Veröffentlichung von „Symphony For Vampires und gleichzeitig war am 30.04.
Walpurgisnacht. Das war halt auch von der Thematik auf die Walpurgisnacht und
Goethes Faust ausgelegt. Wir haben also unsere Lieder zu diesem Event
zusammengestellt.....

Stephan:
Wie war das für dich? Ist es auf der einen Seite etwas anderes bei
Tangerine Dream als „Mitspieler auf der Bühne zu stehen und andererseits als
Hauptverantwortlicher ein Konzert zu bestreiten?....

Thorsten:
Von der Vorbereitung und von dem Herzblut macht es in dem Sinne keinen
Unterschied. Ich bereite mich nicht für das ein oder andere weniger oder mehr
vor. Veranstalter bin ich selbst nie. Im Ballhaus waren es eben Manikin
Records, im anderen Fall war es das Kino an sich, plus die Kulturstiftung. Vom
Aufwand nimmt sich das auch kaum etwas, denn Transport ist Transport. Es ist
kein großer Unterschied, obwohl ich bei PicturePalace music dran schuld bin,
wenn es nicht läuft. Aber auch wenn es gut läuft, geht das dann auf meine
Kappe. Das ist etwas, an das man sich durchaus gewöhnen kann und gewöhnen muss.
....

Stephan:
Du hast vorhin schon angedeutet, dass die kompletten Kompositionen länger
als eine CD-Laufzeit betragen. Hättest du da nicht eine DoppelCD herausbringen
können? Oder anders gefragt, hast du die Liveaufführungen in voller Länge
absolviert?....

Thorsten:
Ja. Wir führen die Filme komplett auf. Zwei bis zweieinhalb Stunden, je
nachdem um welchen Film es sich handelt. ....

Stephan:
Das heißt, dass - wie du schon erwähnt hast - mehr als auf den CDs
komponiert wurde.....

Thorsten:
Ja, die restlichen Sachen bringen wir auf EPs raus. DoppelCDs sind halt
so eine Sache. Meiner Meinung nach ist das mehr so ein 70er Jahre Ding. Die
meisten Leute haben heute ein Problem CDs zu hören, die länger als 40 Minuten
laufen. Wenn man so etwas wie The Strokes hört, die denken eine Longplay-CD
wäre nach 35 Minuten vorbei. Auch System of a Down bringen zwei CDs, die
zusammen gehören und zusammen 80 Minuten Laufzeit haben, heraus - was ich an
sich unmoralisch empfinde. Jedoch glaube ich auch, dass Leute mit 160 Minuten
durchaus überfordert würden. ....

Stephan:
Na gut, jetzt gibt es in der Elektronikszene schon ganz andere Beispiele.....

Thorsten:
Wir sehen uns ja nicht so, das wir herkömmliche elektronische Musik
machen. Wir haben durchaus Postrock orientierte Ansätze, was ein großer
Unterschied zum Rock ist, da wir klassischere Strukturen in unserer Musik
haben, als sie in der Elektronikmusik vorkommen. Wir haben keinen Fluss auf 60
Minuten, sondern wir haben verschiedene durchkomponierte Stücke mit teilweise
Überleitungen, die aufeinander folgen. 160 Minuten wären daher zu viel. ....

Stephan:
Da möchte ich aber noch mal nachhaken. Wenn du sagst, ihr unterscheidet
euch von der Elektronikmusik, finde ich aber, dass beim Hören der CDs doch auch
eine Spur Tangerine Dream durchscheint. Da taucht natürlich die Frage auf, wie
sehr du bei deinen Soloaktivitäten von deiner Arbeit bei Tangerine Dream
beeinflusst wirst, auch wenn du ja schon seit 2003 mit PicturePalace music
Musik machst? Nutzt man da automatisch auch Sounds und Songstrukturen, die man
bei Tangerine Dream spielt?....

Thorsten:
Ich arbeite schon seit fünf Jahren mit bzw. für Edgar Froese. Sicherlich
beeinflussen einen auch die Entwicklung, Arbeitsprozeduren und Musik die man
macht und hört. Gerade Tangerine Dream ist ja sehr Bassbetont. Vorher spielte
ich immer nur mit E-Bassisten zusammen, von daher habe ich im Prinzip bei
Tangerine Dream gelernt, wie man einen elektronischen Bass programmiert. Und
ich denke, da klingt man dann immer ein bisschen nach seinem Lehrer. ....

Stephan:
Du sagst gerade, es hängt davon ab, welche Musik man hört. Welche Musik
hörst du denn selber gerne? Etwas aus dem Bereich Elektronik oder eher aus
einem anderen Bereich?....

Thorsten:
Ich höre verschiedene Sachen. Es gibt da Abstufungen, nämlich CDs, die ich
bei Leuten höre, CDs die ich höre, wenn ich weg gehe und CDs, die ich zu Hause
höre. Zu Hause höre ich nur ca. 10 verschiedene Gruppen. Momentan liebe ich
Sigur Ros und die Gruppe Godspeed You! Black Emperor …. Von den älteren Sachen
finde ich King Crimson unglaublich gut. Genesis 1972 bis 1977, was durchaus
auch zwei Gabriel-Alben noch ausschließt, also es war mehr die Steve Hackett
Zeit. Aus der Elektronikszene höre ich eher wenig. Dort höre ich eher recht
Flächen deckend, was mich interessiert, was andere machen. Es ist aber nicht
so, dass ich eine Gruppe als Lieblingsgruppe nennen würde, höchsten The Prodigy
und Nine inch Nails. ....

Stephan
Das ist eine etwas andere Elektronik.....

Thorsten:
Genau.....

Stephan:
Wie erlebst du Musik, wenn du sie hörst? Ich hab mal mit einem anderen
Musiker gesprochen, der beim Musikhören weniger auf die Melodien, sondern mehr
auf die Sounds und eingesetzten Geräte achtet und wie der Track gemacht ist.
Ist das bei dir ähnlich? Kann man diese Gedanken ausschalten?....

Thorsten:
Die musikalische Qualität würde ich nicht von der Aufnahmequalität
abhängig machen. Jedoch kann ich als Musiker - Musik nicht gesamtheitlich
hören. Das habe ich von einem Professor im Fach Dirigieren gelernt. Wenn man
anfängt sich mit Musik extrem zu beschäftigen, lernt man das irgendwann. - die verschiedenen
Momente, die man automatisch analysiert, also die Geschwindigkeit der Abtastung
der einzelnen Elemente, ob man ein guter Musiker wird oder nicht. Man kann sich
nicht entscheiden, höre ich jetzt wie ein normaler Musikhörer, dann nimmt man
die Sachen als gesamtes Musikstück wahr, oder gehe ich als Musiker an die
Sache. Als Musiker nimmt man die einzelnen Instrumente, die einzelnen Spuren
wahr, man zerlegt das Stück. ....

Stephan:
Ist das nicht störend, wenn man selbst die Musik konsumiert?....

Thorsten:
Es ist nichts, was ich ändern kann. Man könnte jetzt sagen, früher war es
besser, aber ich kann ja auch Musik genießen, wenn ich zum Beispiel Bands höre,
deren Sänger ich fürchterlich finde, ich mich aber sehr an der Musik dahinter
erfreuen kann. Ich kann da durchaus Sachen ausblenden.....

Stephan:
Wie viel Zeit bleibt dir neben der Arbeit bei Tangerine Dream für deine
Soloprojekte?....

Thorsten:
(lacht) Tangerine Dream ist durchaus ein Vollzeitjob, das kann ich sagen.
Zwischendurch muss man sich Zeit für eigene Sachen nehmen, um auch in andere
Richtungen gehen zu können. Alles was in Richtung Industrial geht, also ein
bisschen noisiger ist. Es gibt bei Tangerine Dream schon ein recht festes
Konzept, wie man dort komponiert. Edgars Solo-Sachen klingen ja auch durchaus
anders, zum Beispiel wäre die „Ypsilon In Malaysian Pale nie ein Tangerine
Dream-Album gewesen. Das sind Sachen, die man außerhalb von Tangerine Dream
ausleben kann, um sich dann wieder auf die Sachen zu konzentrieren. Auch gerade
die Art von Gitarren, die wir bei PicturePalace music benutzen, würde einfach
nicht zu Tangerine Dream passen. Die finde ich aber trotzdem toll, daher nehme
ich mir die Zeit auch diese Sachen produzieren zu können. Die müssen zum Teil
auch einfach raus.....

Stephan:
Und mit Tangerine Dream zu arbeiten heißt dann ja auch nicht nur in Berlin
zu sein. Du hast mir vor ein paar Tagen schon gesagt, dass in Wien geprobt
wurde und Tangerine Dream ist ja auch einige Male im Jahr in den USA. Bist du
dann immer mit unterwegs, oder wie sieht dein Arbeitsalltag aus?....

Thorsten:
Ich bin häufig im Studio in Wien. Dort arbeiten wir oft zusammen und auch
in Berlin arbeiten wir. Ich fahre in Berlin länger zum Flughafen, als ich dann
im Flugzeug von Berlin nach Wien unterwegs bin. ....

Stephan:
Sind die beiden PicturePalace music-Alben deine ersten
Soloveröffentlichungen? Du hast zwar vorhin schon davon gesprochen, dass du in
Bands gespielt hast, aber sind das deine ersten Soloproduktionen?....

Thorsten:
Wenn es Solo wäre, stünde mein Name drauf (lacht). 1995 oder 1996 war ich
auf dem Tribute-Album „The Dark Side Of David Bowie zusammen mit Timothy
Moldrey vertreten (mit dem Titel „Moonage Daydream). Das war Goth oder
Avantgarde. Dann habe ich mit Minory, wo auch der Christian Hausel sang und
später dann auch Frank Stoppel als Sänger dabei war, einige Alben in
Selbstregie veröffentlicht. Wir haben auch bei PicturePalace music verschiedene
Sänger, Frank singt den letzten Titel auf dem „Symphony for Vampires Album. Es
sind quasi vier Leute von Minory zu PicturePalace music rüber gekommen. Mit
denen habe ich einige Sachen veröffentlicht. Und dann halt die ganzen
Metal-Sachen, deren Namen ich zum Teil nicht kenne. ....

Stephan:
Wie du es schon gesagt hast, war das eine Arbeit, die ich nicht als
Soloprojekt bezeichnen würde. ....

Thorsten:
Das ist wohl wahr. Eigene Produktionen waren dann wohl eher Minory und
PicturePalace music.....

Stephan:
Wie sehen deine weiteren Solopläne aus?....

Thorsten:
Da wir „Metropolis schon aufgeführt haben, haben wir noch 125 Minuten
fertige Musik, die noch veröffentlicht werden mag. Es wird Ende des Jahres
passieren. Als viertes Album werden wir kein Stummfilmalbum rausbringen.....

Stephan:
Sondern?....

Thorsten:
Wir sind derzeit noch mit der Konzeption beschäftigt. Wir bereiten uns
derzeit auf etwas anderes vor. Als fünftes Album ist dann wiederum „Faust
geplant.....

Stephan:
Wie sieht es ansonsten live bei dir aus - außerhalb von Tangerine Dream?....

Thorsten:
Am 19.09.2008 die Aufführung im Kino. Drumherum wird ein fröhliches
„Picture Palace music-Wochenende stattfinden mit einem reinen Elektroset und
einem richtigen Livekonzert am zweiten Tag. Dann ist eventuell mit der Musik zu
„Faust eine Tour durch verschiedene Kinos in Deutschland geplant. ....

Stephan:
Das ist dann auch für viele andere Interessierte gut zu wissen, denn
Berlin ist für viele nicht um die Ecke.....

Thorsten:
Das Problem ist halt, das wir 15 Leute sind.....

Stephan:
Wie ist denn bisher so die Resonanz?....

Thorsten:
Die Kinos sind immer voll, aber in einen Kinosaal, wie in Berlin, passen
gut 500 Leute rein. Gehen wir nach Lübeck, dann fasst das Kino nur gut 120
Leute. Wenn wir nicht 60 Euro für ein Ticket nehmen wollen, ist das so eine
Sache.....

Stephan:
Gibt es denn schon Interessenten, also Kinobesitzer, die das schon gesehen
haben?....

Thorsten:
Ja, zum einen ist da die Stiftung und Cinestar ist ja eine Kinokette,
ähnlich wie UCI, die durchaus interessiert wären. Da arbeiten wir noch an der
Finanzierung und der Umsetzung. ....

Stephan:
Vielen Dank für das sehr angenehme Gespräch. Mir hat es viel Spaß gemacht.....

Thorsten:
gern , und ich habe zu danken .......

Stephan Schelle, 22.08.2008


http://www.musikzirkus-magazin.de/dateien/Pages/Musiker/interview_thorsten_quaeschning_2008.htm